Ein ethisches Dilemma

Wir alle wollen den Atomausstieg und zwar lieber heute als morgen. Lange Strahlungszeiten des Atommülls, ein immer noch ungelöstes Endlagerproblem, ein als unverantwortlich einzuschätzender Umgang mit radioaktiven Abfällen in unserer Nähe (Asse bei Wolfenbüttel), Fehler an Castorbehältern und nicht zuletzt Tschernobyl, Fukushima oder Harrisburg zeigen immer wieder, dass wir Menschen dieser Technik bisher nicht gewachsen sind. Wer schon mal durch das Ruhrgebiet gefahren ist, kann auch einem Weiterbetrieb von Kohlekraftwerken nicht zustimmen. Kohle- und Atomkraftwerke müssen vom Netz und die Forschung und Entwicklung regenerativer Energiequellen dazu immer weiter in den Fokus rücken.

Doch welche regenrative Energiequelle ist die Richtige? Oder ist jede Form regenerativer Energie per se gut?

Als Bürgerinitiative stehen wir ganz klar zu einer Energiewende. Wir stehen für eine schnellstmögliche Abschaltung von Atomkraftwerken, die wir für nicht sicher genug halten und sehen auch in Windkraft eine bessere Lösung im Vergleich zu vielen anderen Kraftwerksformen.

Mit der BI “DIALOG WINDKRAFT” stellen wir allerdings einen konkreten Einsatz dieser Technik in Frage bzw. regen zu einem Austausch an. Während vor 10 Jahren noch “Windräder” gebaut wurden, sprechen wir heute von “Windkraftanlagen”. 200 Meter hohe Bauwerke mit 112 Metern Spannweite und knapp 10.000 m² Luftraum im Rotorkreis sind Industrieanlagen und schon lange kein I-Tüpfelchen im Naturschutz mehr. Moderne Windkraftanlagen sind hochtechnisierte Industrieanlagen und sollten auch als solche gesehen werden. Sie nehmen massiven Einfluss auf das Landschaftsbild, erzeugen hörbare und unhörbare Geräusche und können die Tierwelt beeinflussen.

Als Industrienation müssen wir abwägen, wann und wo ein Einsatz von Windkraft sinnvoll für Natur und Mensch sein kann und wo nicht. Der grundsätzliche Einsatz von Windkraftanlagen und deren technische Weiterentwicklung ist ausdrücklich zu begrüßen. Ein solcher Einsatz sollte allerdings immer im Dialog aller Beteiligten erfolgen. Mit dem Bau des Windrades in Freden sind Fakten geschaffen worden, ohne die betroffenen Bürger vorab ins Boot zu holen. Das neue Rad in Alfeld soll bis zu 700 Meter an die Wohnbebauung heran reichen. Beide Räder werden zwischen Natur- und Landschaftsschutzgebieten stehen.

Kann ein solcher Einsatz von Windkraftanlagen wirklich ein sinnvoller Beitrag zum Klima- und Naturschutz sein? Oder ist eine so wohn- und waldnahe Bebauung nicht eher das Gegenteil und schadet am Ende mehr, als es bringen kann? Lohnt es sich, das gesamte Thema “Windkraftanlage” zu betrachten oder darf die Aussage “wir wollen die Energiewende” hier Absolution erteilen?

Wer diese Frage in der heutigen Zeit stellt, wird schnell als Spinner, Naturfeind, Gegner von Neuerungen oder Atomkraftbeführworter abgestempelt. Zu Recht?

Wir denken nicht und sehen uns auch nicht so. Viel mehr laden wir alle interessierten Bürger dazu ein, sich inhaltlich mit dem Thema “Windkraftanlagen” zu beschäftigen. Ob im Rahmen einer Bürgerinitiative oder auch privat steht dabei jedem frei. In unseren Augen lohnt es sich, Dinge zu hinterfragen und nicht jede Aussage in Zeitungen oder Nachrichten als gegeben hinzunehmen. Viel mehr kann eine differenzierte Betrachtung und ein offener Dialog dazu führen, gemeinsam eine nachhaltige Energiewende zu schaffen – auch ohne ethisches Dilemma.