Abgeworfen – eingeschlagen

Vor wenigen Tagen fiel der erste Schnee und die Temperaturen sinken wieder deutlich. Passend dazu erhielten wir zwischen den Jahren eine Anfrage eines Rechercheteams des ZDFs. Das Thema: Eisabfall und Eiswurf an Windkraftanlagen.

Wir haben den Anruf zum Anlass genommen, das Thema noch einmal genauer zu betrachten. Projektierer von Windkraftanlagen führen gerne eine automatische Eiserkennung an den Anlagen ins Feld um dichtere Abstände zu Straßen und Häusern zu argumentieren. Dass diese Warner nicht immer zuverlässig funktionieren, und augenscheinlich Schwächen haben, zeigt unsere Recherche:

Nicht nur in Dransfeld (bei Göttingen) musste eine Straße nach Eisabwurf der dortigen Windkraftanlage gesperrt werden. Auch in Crussow/Angermünde und Schäftlarn kam es jüngst zu Eisabwurf. In Bocholt (bei Münster) schlug ein 60cm-Eisbrocken nur wenige Meter neben einer spazieren gehenden Familie ein, auf den Feldern dort lagen weitere Eisbrocken zwischen 40 und 60 cm. Schon Anfang des Jahres 2016 fanden Radfahrer Eisbrocken bis zu 150 Metern von einer Anlage in Wilnsdorf (bei Marburg) entfernt und im Herbst 2015 schlugen Eisbrocken neben einem Team des Schweizer Fernsehens ein. Das Video dazu ist hier verlinkt.

In Kastellaun (Rheinland-Pfalz) und auch bei Bennigsen/Gestorf (bei Hannover) warnen die Betreiber von Anlagen in Zeitungen davor, sich ihren Anlagen bei Unterschreitung von 5°C am Boden auf mehr als 200 Meter zu nähern. Die geplanten Anlagen auf der Marke könnten schon auf Grund der schmalen Vorrangfläche (unter 200 Metern Breite) nicht mit entsprechendem Abstand zur Straße errichtet werden.

Auch auf die Frage, weshalb es trotz Flügelheizung zu einem Eiswurf kommen kann, gibt es Antworten: Moderne Eiserkennung an Windkraftanlagen funktioniert entweder über die Messung von Unwucht am Flügel oder punktuell ob sie selbst vereist sind. Eine Erkennung über Unwucht erfolgt dabei ab ca. 6 kg Eis am Flügel – darunter nicht. Wird das Eis erkennt, wird (lt. Angaben von ENERCON) ein „Normalstop“ eingeleitet. Die Anlage bremst langsam ab – das kann bis zu 30 Minuten dauern. Haften also weniger als 6 kg Eis am Flügel, dreht die Anlage weiter. Haften über 6 kg am Flügel, rotiert sie immer noch bis zu 30 Minuten weiter. Bis dahin kann der Flügel (dessen Spitzen sich im Fall von Freden 1 bereits mit über 300km/h im Wind drehen) schon längst vereist sein.

Nach dem Stillstand wird die Rotorheizung aktiviert und taut das Eis an. Je nach Windgeschwindigkeit und Stand der Flügel rutschen die Eisbrocken von den Flügeln (aus einer Höhe von bis zu 196 Metern im Fall der Anlagen auf der Marke) und können durch Wind noch viele Meter abdriften.

So wundert es kaum, dass bei über 26.500 Windkraftanlagen in Deutschland früher oder später Eis auch auf Straßen und (zum Glück bisher nur) direkt neben Spaziergängern einschlägt. Hier sind die Betreiber der Anlagen gefordert, zuverlässige Systeme zu entwickeln oder die Anlagen beim Unterschreiten von 5°C (am Boden) komplett abzubremsen.

Quellen: